Alt ist man dann, wenn man an der Vergangenheit mehr Freude hat, als an der Zukunft, sagte John Knittel, der Verfasser des Schauerromans Via Mala. Wo er Recht hat, hat er Recht. Also blicken wir nach vorne, auch wenn gerade der 55. Geburtstag dazwischen gekommen ist. So ein einschneidendes Erlebnis verleitet natürlich gerne dazu, aus der eigenen Vergangenheit zu erzählen. Die Kinder wissen es zu danken und wehren sich schon lange nicht mehr dagegen, wenn wir ihnen beibringen, dass Woodstock nichts mit Holzaktien zu tun hat. Manchmal lassen sie zwar durchblicken, dass die Gnade der frühen Geburt nervt. Erfahrung heisst gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen, wusste auch Kurt Tucholsky. Als Mann wird man durch Erfahrung klüger, als Frau älter – hiess es früher. Heute werden auch die Männer aus Erfahrung älter.

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Stefan Bühler


Jugendwahn

Dabei ist es gerade die Erfahrung, von der andere lernen könnten. Wer heute Wahlkampf betreibt, müsste unbedingt erfahrene Wahlkampfbeobachter zu Rate ziehen. Dazu ein Beispiel: Es bleibt doch unvergessen, wie einst der Rektor der Bündner Kantonsschule für die Demokraten in den Regierungsratswahlkampf zog – mit dem unnachahmlichen Slogan «Tü – Ta – To». Das war 1962 und sollte heissen «tüchtig, tatkräftig, tolerant». Gewählt wurde er zwar nicht, die Erfahrung aber bleibt unbezahlbar. Vermutlich deshalb wirbt die Nachfolgepartei der damaligen Demokraten heute nicht mehr mit dem Ausdruck tolerant, weil er mehr dem Untergang als dem Erfolg diente.
Aber eben, was nützen solche Erfahrungen, wenn man sie nicht weitergeben kann? Oder noch schlimmer: wenn man genug davon gesammelt hat und zu alt ist, um sie auszunutzen? Dabei könnte man ja immer dazulernen, ob man nun Pfarrer oder Lehrer ist. Ein Pfarrer lernte früher, wie man beerdigt und einäschert. Seit die 68er-Generation und die ersten Grünen ins Alter kommen, muss er sich zusätzlich mit der fachmännischen Kompostierung befassen. Und die Lehrer lernen frühenglisch, wie immer das auch klingen mag.
Zurück zum Blick nach vorne. Der Geburtstag an sich wäre ja nicht das Schlimmste am Zerfall der Jugend. Schliesslich ist älter werden immer noch die einzige Möglichkeit, länger zu leben. Aber man macht sich halt so seine Gedanken, auch solche, die es noch werden wollen. Zu denken geben da die Begleiterscheinungen, die sich ganz übel in Form von Werbung manifestieren. Wie soll man dem Jugendwahn frönen und gleichzeitig in die Zukunft schauen? Wieder einmal waren es die Plakate, die ihre Botschaften verworrener nicht übermitteln könnten. Es gibt nämlich Schlimmeres als die Provokationen von Oliviero Toscanini. Schwarzer Hengst bespringt weisse Stute, schwarze Frau stillt weissen Säugling, Priester in Schwarz küsst Nonne in Weiss.
Wahrlich aufgeschreckt hat ein ganz anderes Plakat an der Masanserstrasse in Chur, weil es ausgerechnet am Geburtstag ganz direkt in die Augen gesprungen ist. Kein Plakat von Benetton und seinen United Colors. Nein, die Seniorenakademie Graubünden wendet sich direkt an alle ab 55. Drei Mal leer schlucken und sich dann damit trösten, dass man schliesslich vor einem Viertel Jahrhundert schon bei den Senioren tschutten musste. Also ist alles relativ. Vor allem ist es relativ plump, wie die Seniorenakademie einem Jugendwahn nacheifert. Jedenfalls habe ich dazu eine klare Meinung, auch wenn ich nicht ganz einverstanden mit ihr bin.

Stefan Bühler

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