Als es in Chur noch keinen Verkehrsdirektor gab, die Stadtverwaltung noch aufgeschlossen gegenüber innovativen Ideen reagierte, die Kantischüler noch Streiche ausheckten, die Eulenspiegel zur Ehre gereichten – kurz: vor langer, langer Zeit. Genau gesagt, vor 37 Jahren. Ein Ereignis, das weltweit Schlagzeilen machte, fand in Chur statt und beinahe konnte man ahnen, was uns die 68er-Generation sonst noch bescheren würde. Was damals in einer Nacht-und-Nebelaktion geschah, rüttelt noch heute die Gemüter auf. Zum Beispiel alle Mitglieder von Chur Tourismus, die an der diesjährigen Generalversammlung teilnahmen und mit seltener Einmütigkeit eine Resolution verabschiedeten, die mit gleichem Engagement und Drang zum Ungehorsam gegenüber behördlichen Anweisungen daherkommt wie damals, als es noch keinen Verkehrsdirektor gab.

buehler.jpg (7132 Byte)
Stefan Bühler


Spurensuche

Es geht um Spurensuche in der Churer Altstadt. Um jene Spuren, die als eine der innovativsten Marketingideen gilt und nun behördlicherseits verboten werden soll. Chur Tourismus wird es untersagt, die Spuren für den Rundgang in der Altstadt zu erneuern, weil jetzt Bürolisten und andere Steuergeldakrobaten finden, eine einheitliche, 200 000 Franken teure Beschriftung nach neuem Konzept könne nicht durch eine lustige,
37 Jahre alte Idee ergänzt werden. Wohl deshalb, weil die Gleichschaltung gegenüber anderen Städten gestört würde.
1967 hatte der damalige Verwalter des Postreisedienstes, Erhard Meier, die Idee mit den Spuren als Wegweiser für Touristen in der Altstadt. Um zu einer Schablone zu kommen, nahm er eine hübsche Churerin am Fuss und führte sie in die Werkstatt, wo ihr Abdruck genommen wurde. Mit diesem Profil wurden dann die roten Spuren über den Hof und die grünen über das Obertor auf den Boden gemalt. Fortan hatte Chur eine Attraktion, von der bis nach Japan und Kanada berichtet wurde. Sie hatte Nachahmer in verschiedenen Städten, etwa in Hildesheim und Hannover. Sicher wurde Erhard Meier deshalb zum Verkehrsdirektor und später sogar zum Ehrenmitglied von Chur Tourismus ernannt. Dass einige Kanti-Schüler die Schablone nachmachten und in einer weiteren Nacht-und-Nebelaktion einen Rundgang mit blauen Spuren hinlegten, machte die Idee erst zum Hit über die Landesgrenzen hinaus. Den blauen Spuren folgte man in den Süsswinkel oder ins Calandagärtli, den roten auf den Hof und den grünen zum Obertor.
Zur damaligen konspirativen Gruppe aus dem KTV gehörte auch Peter Hartmann (Göli). Der heutige ETH-Ingenieur und Verkehrsplaner hatte schon damals klare Vorstellungen von organisiertem Verkehr, vor allem in der Altstadt und vor allem bei den Fussgängern. Auch seine Berufskarriere begann mit Spuren.
Das alles soll jetzt vorbei sein. Die teueren Pflaster in der Altstadt dürfen nicht mehr gespurt werden. Und ein ganzer Verkehrsverein wendet sich einstimmig gegen dieses Verdikt. Da wird schon der
Aufstand geprobt und an des Stadtpräsidenten Vergangenheit appelliert. Immerhin war dieser 1967 selbst auf der Lümmelburg und wird sich gerne an die Kolumnen im Nebelspalter, in den Schweizerischen und ausländischen Tageszeitungen erinnern. Er weiss ja selbst auch, wie man das behördliche Verdikt in diesem Fall, wo das Volksempfinden tangiert ist, leicht umgeht: man malt, ohne zu fragen.
Erhard Meier hat in der Stadt Chur Spuren hinterlassen, keine Frage. Es gibt keinen Grund, diese nicht als Ergänzung zu der geplanten Beschriftung weiterhin zuzulassen. Sonst ist schon heute absehbar, was Friedrich Schiller im «Lied von der Glocke» zu anderer Gelegenheit sagte: «Errötend folgt er ihren Spuren …». In Chur heisst das dann: «Mit hochrotem Kopf folgt man den Spuren, die der Zensur zum Opfer fielen.»

Stefan Bühler

zurück